Trance – Ekstase

Trance

Bei der Suche nach einer eindeutigen Begriffserklärung des Wortes Trance stößt man auf vielerlei schwammige Definitionen, was zum einen mit Sicherheit daran liegt, daß ein derart subjektiver Zustand nur schwer, für andere nachvollziehbar, zu beschreiben ist. Zum anderen scheint es ein Tabu zu geben, sich diesem „Mysterium“ wissenschaftlich anzunähern, also z.B. zu beobachten, was für Parameter oder Verhaltensweisen bei einer Trance immer auftreten. Wer sich tiefer mit dieser Herangehensweise an das Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich das sehr fundierte und erkenntnisreiche Buch „Trance“ des Systemanalytikers Dennis Wier.

Was führt zu einer Trance, was passiert in einer Trance, was für Auswirkungen hat sie und wie kann man sie beenden. Das sind die zentralen Fragen, mit denen ich mich hier beschäftigen werde.

Was führt zu einer Trance

Trance entsteht durch selbsterzeugte oder von außen zugeführte  Bewußtseinsschleifen, loopartige Wiederholungen z.B. von Gesängen, Mantren, Trommelschlägen, Bewegungen, Gedanken, visualisierten Symbolen, aber auch durch Fokussierung auf eine monotone Tätigkeit über eine längere Zeit. Immer findet eine zunehmende Eingrenzung der Wahrnehmung auf die die Trance auslösenden Sinnesreize statt, es entsteht sozusagen eine Art Wahrnehmungstunnel. Das kann viele Vorteile aber auch viele Nachteile mit sich bringen, vor allem, wenn man nicht merkt, daß man in Trance ist, wie das bei Süchten meist der Fall ist oder wenn man sich mantrenartig einredet, daß man dies oder jenes nicht kann oder nicht liebenswert, nicht schön genug oder sonst was nicht ist, oder auch wenn man der gebetsmühlenartig wiederholten Propaganda von vereinfachten politischen Aussagen oder religiösen Fanatismen erliegt.

Aber ich möchte mich hier auf die bewußt erzeugte (wobei man das bei den zuletzt genannten Beispielen wohl auch annehmen kann) und vor allem absichtsvoll erlebte Trance beschränken.

Beispiele

Wenn ich z.B ein kurzes Mantra oder irgendeine kurze Wortsequenz eine längere Zeit lang immer wieder loopartig singe, spreche oder denke, dann wird eine Trance entstehen. Wie stark diese ist, hängt davon ab, ob meine Aufmerksamkeit noch mit anderen Dingen beschäftigt oder ganz bei diesem Loop ist. Je intensiver ich mich dem Mantra hingebe, und je mehr meine Aufmerksamkeit reduziert ist auf dieses “Objekt”, desto stärker wird die Trance. Irgendwann muß ich mich nicht mehr darauf konzentrieren zu singen, das passiert sozusagen automatisch. Ich bin nur noch das Gefäß für diesen Gesang.

Vergleichen kann man diesen Prozeß mit der buddhistischen “Sammlungsmeditation”, bei der man sich auch – im Gegensatz zur Erkenntnismeditation – ein Objekt der Aufmerksamkeit wählt , z.B. den Atem, eine Sequenz innerlich gesprochener Worte oder ein visualisiertes Bild, und sich diesem ganz hingibt. Gleichzeitig behält man aber einen Teil seiner Aufmerksamkeit bei seinem Körper. Um genau zu sein, müßte man also eher sagen, daß man sich bei diesen Sammlungsmeditationen tranceinduzierender Loops bedient, um die Gedanken zu beruhigen und um dadurch eine zunehmende Sammlung des Geistes zu erlangen. Wenn die entstehende “Sammlung” (konzentrierte geistige Ruhe) stark genug ist, kann es passieren, daß man den Körper nicht mehr fühlt, und es entsteht ein schwereloser Zustand – definitiv eine Trance. Man ist sich aber gleichzeitig voll bewußt über diesen Zustand.

Beim Trommeln entsteht auch leicht eine Trance, wenn ich mich auf eine Rhythmussequenz beschränke und diese lange genug spiele. Je länger ich das tue, desto tiefer tauche ich ein in diesen Rhythmus und desto tiefer ist die Trance. Wenn dann noch eine zweite Person dazukommt und zu meiner Rhythmusfigur eine weitere hinzufügt, sich mit ihr quasi verzahnt, dann kann der Trancezustand durch diesen zweiten Loop und den gemeinsam erzeugten dritten Loop noch stärker werden. Das bedeutet aber keinesfalls, daß man dabei völlig wegdriften muß. Das kann zwar passieren und ist dann auch meistens sehr angenehm, doch wenn man es schafft, präsent zu bleiben, ohne sich dabei anzustrengen, dann hat dieser Zustand eine unglaubliche Intensität. Und jede bewußte Veränderung des eigenen Rhythmus oder der Intensität des Spiels in diesem Zustand wird eine starke Wirkung auf den “Raum” haben, also auf den oder die Mitspieler und die Tänzer, auf die gesamte Atmosphäre.

Beim Tanzen zu hypnotischer Musik treffen gleich zwei tranceauslösende Momente aufeinander, die von außen kommende Musik und die selbst erzeugten Tanzbewegungen. Durch beide Auslöser kann sich die Trance verstärken. Wird die Musik hypnotischer, hat das einen verstärkenden Effekt auf meinen Trancezustand, aber wahrscheinlich auch auf meine Tanzbewegungen, die wiederum die Trance intensivieren können.

Was passiert in einer Trance

All diesen Prozessen gemein ist, daß man die Aufmerksamkeit auf einen oder ein paar wenige Loops lenkt und sich immer mehr in sie versenkt. Dadurch wird die Wahrnehmung stark eingeschränkt, einige kognitive Funktionen werden blockiert, andere erweitert. Z.B. wird man kaum noch komplizierteren Gedankengängen folgen oder sich unterhalten können, dafür wird sich aber vielleicht irgendein gedankliches Problem, das schon länger drückt, plötzlich auflösen, weil im Trancezustand leichter vorher unzugängliche Informationen aus dem Unterbewußtsein auftauchen können. Desweiteren verändert sich die bewußte Wahrnehmung des Körpers, u.U. soweit, daß man ihn gar nicht mehr spürt (ideal für einen Zahnarztbesuch),man gerät leicht in innere Prozeße oder kommt in Kontakt mit dem Unterbewußtsein, man ist empfänglich für Suggestionen und vieles mehr. Durch die intensive Fokussierung auf  z.B. einen Trommelrhythmus oder auch beim Tanzen zu hypnotischer Musik kann eine sehr starke Intensität entstehen, die auch für Außenstehende spürbar ist.  Dennis Wier spricht in diesem Zusammenhang von einer “Trancekraft”.

Wenn ich mich z.B. beim Trommeln in Trance befinde, dann kostet mich das Spielen keine Kraft, sondern ich schöpfe aus einem sich in diesem Moment schier endlos anfühlenden Kraftreservoir. Je kraftvoller ich spiele, desto mehr Kraft steht mir zur Verfügung. Beim Trancetanz passiert das Gleiche. Je intensiver ich mich in einen Trancezustand hinein tanze, desto kraftvoller fühle ich mich. Währenddessen können Bilder im Geist auftauchen, intensive und klare Gedankenströme z.B. zu vorher nur fragmentarisch vorhandenen Gedanken oder Ideen.

Ekstase

Wenn ich dann aufhöre zu trommeln, zu singen oder zu tanzen, still bin und einfach nur wahrnehme, spüre ich eine unglaubliche Präsenz, ein intensives Gewahrsein. Die Trance hört mit dem Stoppen der Loops auf und macht einer stillen Ekstase Platz, die je nach Stärke und Dauer der Trance minutenlang andauern kann und sich ganz langsam wieder herausschleicht – ein wunderbarer Zustand, vergleichbar mit tiefen Meditationserlebnissen.