Die vier Phasen der Gemeinschaftsbildung

Scott Peck zufolge besteht der Gemeinschaftsbildungsprozess immer aus vier Stadien.
Im ersten ist die Gruppe lediglich eine Pseudogemeinschaft. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter ihnen nur oberflächliche Differenzen und keinen Grund für Konflikte. Alle Beteiligten sind mehr oder weniger höflich zueinander und die Kommunikation ist unauthentisch und meistens langweilig.
Darauf folgt eine Phase des Chaos. Die Fassade bröckelt. Einzelne Gruppenmitglieder versuchen einander zu bekehren, zu heilen oder auszuschalten, andere wiederum ziehen sich zurück oder verteidigen sich gegen diese Angriffe. Es ist ein irritierender, gedankenloser, maschinengewehrartiger und oft lärmender Prozeß, bei dem es nur um Sieger und Verlierer geht und der zu  nichts führt.
Wenn die Guppe diese meist unerfreuliche Situation durchstehen kann, ohne sich selbst zu zerstören oder in die Pseudogemeinschaft zurückzufallen, dann tritt sie allmählich in die Leere ein.
Dies ist ein Stadium harter Arbeit, eine Zeit, in der die Mitglieder daran arbeiten, alles beiseite zu räumen, was zwischen ihnen und der Gemeinschaft steht. Und das ist oft eine Menge: Vorurteile, starre Erwartungen, der Wunsch zu heilen, zu bekehren, der Drang zu siegen oder die Angst, sich zum Narren zu machen. Ein plötzlich auftauchender Kummer, eine Abscheu oder eine Scham müssen öffentlich eingestanden werden, bevor das Individuum für die Gruppe völlig präsent sein kann. Es ist eine Zeit, die Risikobereitschaft und Mut verlangt.
Der Übergang vom Stadium der Leere zu dem der authentischen Gemeinschaft geschieht oft sehr plötzlich. Ein Gruppenmitglied offenbart sich z.B. mit etwas sehr Persönlichem und alle hören mitfühlend zu. Darauf sagt dann ein zweites etwas ebenso Authentisches und legt sich damit quasi neben das erste auf den „Altar“. Es kehrt Stille ein, aus der heraus sich dann ein drittes Mitglied traut, sich zu zeigen. Die Gemeinschaft ist geboren. Die Veränderung ist deutlich zu spüren. Ein Geist des Friedens durchströmt den Raum.
„Es herrscht mehr Schweigen, und es wird Bedeutungsvolleres gesagt. Es ist wie Musik. Die Menschen arbeiten mit einem präzisen Zeitgefühl zusammen, so als seien sie ein fein eingestimmtes Orchester unter der Leitung eines unsichtbaren Dirigenten. …
Handelt es sich um eine Gruppe vormals Fremder, die sich in einem Workshop versammelt haben, dann kann man eigentlich nichts weiter tun, als sich an diesem Geschenk zu erfreuen. Handelt es sich aber um eine Organisation, dann ist die Gemeinschaft nun bereit, sich oft mit phänomenaler Leistungsfähigkeit und Effektivität an die Arbeit zu machen, also Entscheidungen zu treffen, zu planen, zu verhandeln und so weiter.“ (Scott Peck: „Eine neue Ethik für die Welt. Grundwerte für eine menschlichere Gesellschaft“)